FESTIVALLEITUNG

Lisa Mai
FESTIVALLEITUNG: LISA MAI

Lisa Mai gründete und leitete von 2010 bis 2014 das Open Air Kurzfilmfestival espressofilm und initiierte 2015 den Start von dotdotdot, Österreichs erstem barrierefreien Filmfestival. Nach dem Studium an der Filmakademie Wien war sie neben ihrer Tätigkeit als Autorin, Dramaturgin und Filmvermittlerin in unterschiedlichen Kontexten für Filmfestivals in Wien tätig. Noch während ihres Studiums gründete sie den ersten Kurzfilm-DVD-Verleih in Österreich: espressofilm. Aus dem rasch wachsenden Archiv erwuchs bald die Nachfrage, die Kurzfilme nicht nur für den privaten Gebrauch zu verleihen, sondern auch öffentlich vorzuführen.

Im Gespräch mit Verena Freund und Julia Schulte-Werning für das Nachrichtenblatt des Volkskundemuseum Wien (Ausgabe 3/2018), verrät Lisa Mai mehr über den Hintergrund von dotdotdot und die Programmschwerpunkte der Festivalsaison 2018.

Foto: Timotheus Tomicek © dotdotdot

»DIE ABENDE SOLLEN SPRENGSTOFF FÜR DISKUSSIONEN, ABER VOR ALLEM AUCH EMPOWERMENT UND INSPIRATION SEIN«


Zum vierten Mal findet nun das Kurzfilmfestival dotdotdot im Volkskundemuseum Wien statt. Wie kam es zu dieser Kooperation und warum fühlt ihr euch hier so wohl?

Die Kooperation hat praktisch schon historische Wurzeln. 2010 haben wir zum ersten Mal mit espressofilm hier angedockt. espressofilm ist als kleine Filmreihe gestartet, im Nebenraum eines Kaffeehauses ganz in der Nähe des Museums. Wir hatten nicht erwartet, dass das Interesse so groß sein würde und Menschen im Sommer wirklich kommen und sich mit Kurzfilm und schrägen Formaten auseinandersetzen wollen. Es sind allerdings irrsinnig viele Menschen gekommen. Wir haben dann intensiv nach einem neuen Ausrichtungsort gesucht. Dass wir letztendlich im Volkskundemuseum gelandet sind, geht auf eine Einladung des 8. Bezirks zurück, im Großen Saal des Museums einen Filmabend zu kuratieren. Bei diesem einen Abend, der nur als Gastauftritt geplant war, haben wir uns in das Haus verliebt. Damals war noch alles ganz anders, die Passage zum Park gab’s noch nicht und wir haben mit der revolutionären und irritierenden Idee angedockt, dass wir ein Festival sind, das bei freiem Eintritt stattfindet, und wenn freier Eintritt ist, müssen auch die Türen offen sein. Diese Öffnung war sehr aufregend für’s Museumsteam, für uns alle, aber ein wunderschönes Erlebnis. Es hat irrsinnig gut funktioniert, viele haben so erst den Garten und das Museum selbst entdeckt und das Feedback in den ersten zwei Jahren war enorm.

Das entspricht ja auch ganz eurem Motto: »Kurzfilme für alle!«

Ja, das wollten wir mit dotdotdot einfach ganz progressiv angehen. Mit espressofilm haben wir uns fünf Jahre hier an diesem Ort intensiv mit Kurzfilm befasst und das sollte immer schon barrierefrei sein, aber es war einfach kein barrierefreies Festival. Dadurch dass wir kommuniziert haben, dass der Eintritt frei ist und auch jeder kommen kann, ist immer mehr Feedback von Menschen an uns herangetragen worden, die aus verschiedenen anderen Gründen nicht teilhaben konnten. Je offener du sein möchtest, desto mehr erfährst du eigentlich, dass du gar nicht so offen bist, wie du denkst. Zum Beispiel schließt es einfach eine bestimmte Bevölkerungsschicht aus, wenn Filme nur auf Englisch untertitelt sind. Und wir hatten den Wunsch, die Altersgruppe zu erweitern und auch mit ganz jungem Kinopublikum zu arbeiten, also Kino für die Kleinsten zu machen. Wir hatten Lust, diesen barrierefreien Anspruch neu zu denken. Mit dotdotdot wollten wir auch wirklich Politisches fordern und etwas konkret in Bewegung setzen.

Hast du Ideen, wie sich das Festival und sein Anspruch auf Barrierefreiheit weiterentwickeln könnten?

Ohne Ende! Aber das Problem ist, dass die Fördersituation ein bisschen deprimierend ist. Es war ein ziemlicher Kraftakt, dotdotdot zu entwickeln. Im Kulturbereich ist Barrierefreiheit wirklich ein Nischen-Ding, das können sich nur die Großen leisten und die machen das trotzdem nur marginal. Im Filmfestival- und Kinobereich beschäftigt sich praktisch niemand mit Barrierefreiheit. Obwohl jetzt alles digitalisiert läuft und es technisch relativ unspektakulär ist, etwa Untertitel für gehörlose Menschen einzufügen oder eine zweite Tonspur für blinde Menschen mitzuschicken, die somit eine Audiodeskription über einen eigenen Kanal empfangen können, beispielsweise übers Smartphone. Kultursubventionen werden klein gehalten und man braucht einfach Zuschüsse, um barrierefreie Angebote umsetzen zu können. Aus dem allgemeinen Projekttopf können wir mit Ach und Krach das Festival an sich stemmen. Nachhaltige Unterstützung gibt es für barrierefreie Angebote einfach nicht, das ist das Fazit nach vier Finanzierungsphasen von dotdotdot. Mein Traum wäre ja, an das Festival eine barrierefreie Filmwerkstatt anzudocken und so die Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und Talenten zu emanzipieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst Film zu machen. dotdotdot ist ja dazu gedacht, die Filme als Impulse verwenden. Das Festival sind die Menschen und das, was ausgehend von den Filmen entsteht. Wir haben Gespräche, halten Workshops ab und machen verrückte Interventionen und Partys – Stichwort Sommerfest! Und das Haus hier ist ja auch kein Ort, wo nur rezipiert wird, sondern wo kreiert wird.

Was steckt hinter dem diesjährigen Festivalschwerpunkt »We’re in this together now« und wie kam es zu diesem Motto?

Mit dem heurigen Festival wollen wir unseren vehementen, lauten, auch wütenden, aber in erster Linie lustvoll-energiespendenden Kommentar abgeben zu der total missglückten Debatte, die um die #MeToo“-Bewegung entbrannt ist. Die #MeToo-Debatte an sich und die Tatsache, dass dieses Thema öffentlich diskutiert werden kann, sind extrem wichtig. Aber die Art, wie die Diskussion entgleist ist, die undifferenzierten Meldungen, die Bagatellisierungen und dass Leute extreme Positionen bezogen haben und dann überhaupt nicht mehr miteinander reden wollten, das war einfach haarsträubend! Der kuratorische Anspruch bei diesem bisher größten Schwerpunkt ist, dass die Abende Sprengstoff für Diskussionen, aber vor allem auch Empowerment und Inspiration sein sollen. Man soll das Gefühl haben, dass wir alle in dieser Diskussion gemeinsam drinstecken, also Menschen aller Geschlechter und Gender.

Ihr dockt ja mit diesem Thema auch direkt an die aktuelle Sonderausstellung »Am Anfang war ich sehr verliebt …« 40 Jahre Wiener Frauenhäuser an. Was erwartet da die FestivalbesucherInnen?

Wir haben den Verein Wiener Frauenhäuser ganz bewusst in die Veranstaltung miteinbezogen. Es gibt einen Filmabend, den wir gemeinsam gestalten, da geht’s konkret um Gewalt gegen Frauen im privaten Umfeld. Bei der Filmdiskussion im Anschluss wollen wir zwei verschiedene Parteien auf das Podium bringen. Andrea Brem vom Verein Wiener Frauenhäuser und Bernd Kühbauer von der Männerberatung werden da sein, dazu kommen noch Filmeschaffende, die wir eingeladen haben. Bezüglich des Filmprogramms haben wir darauf geachtet, dass auch Männer darin vorkommen. Nämlich als Menschen, die nicht nur als Gewalttäter dargestellt werden, sondern die sich weiterentwickeln und lernen können. Es muss die Möglichkeit geschaffen werden, dass beide Parteien in das anschließende Gespräch einsteigen können. We’re in this together now – alle Parteien müssen dabei sein, wenn es darum geht gemeinsam Strategien für Empowerment zu finden. Zusätzlich gibt es eine Ausstellungsführung, für die wir gemeinsam mit den Frauenhäusern einen Workshop zum Thema Zivilcourage konzipieren.

Es geht bei dotdotdot also auch darum, konkrete Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln?

Ja, absolut. Ich finde, das ist auch speziell die Power von Kurzfilm. Ich bin ein Fan des Formats, weil es mehr offen lässt. Man kriegt einen kurzen Impuls – und das fordert einfach mehr heraus. Ich befasse mich seit fünfzehn Jahren mit Kurzfilm und ich finde dieses Gesprächspotenzial, das ein gut kuratiertes Kurzfilmprogramm eröffnet, einfach großartig. Ein Spielfilm folgt einem Erzählstrang oder transportiert eine klare Haltung. Bei einem Kurzfilmprogramm, zum Beispiel bei dem Filmabend in Kooperation mit dem Verein Wiener Frauenhäuser, kannst du einfach sieben Filme in einen Abend werfen, die sich aus sehr unterschiedlichen Richtungen an das Thema annähern, die eben mal Männer als Gewalttäter darstellen und dann aber auch als lernfähige Wesen. Das ist viel riskanter und es ist immer sehr spannend, wie sich die anschließenden Gespräche entwickeln. Kein Abend ist, wie man ihn geplant hat, und jeder ist irgendwie großartig.