10 JAHRE: FESTIVALZEITUNG

Zum Jubiläumsjahr schenken wir uns und allen Festivalfreund*innen eine Festivalzeitung: Acht Seiten liegen der August-Ausgabe des Augustin bei. Wir haben Menschen zum Gespräch gebeten, die auf verschiedene Art und Weise am Festival angedockt haben. Die Gespräche fanden im Garten des Volkskundemuseum Wien statt, wo auch die Fotos entstanden. Herzlichen Dank allen, die zu dieser Zeitung beigetragen haben!


Gesprächspartner*innen: Matthias Beitl, Reinhold Bidner, Christoph Kopal, Elsy und Yuki Lahner, Lisa Mai, Christiana Perschon, Dietmar Schwärtzler, Clara Stern
Interviews: Karin Chladek, Jenny Legenstein, Reinhold Schachner, Clara Schmidl, Heinz Wagner, Alexandra Zawia
Fotografie: Peter Grießer, Olga Pohankova, Karl Valent, Max Veulliet
Grafikdesign: Stefanie Jörgler
Redaktion: Lisa Mai, Therese Schnöll, Elke Weilharter


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»ES IST NOCH IMMER DIESE GÄNSEHAUT DA«

Sie lesen hier eine lange Version des Interviews von Clara Schmidl mit der Festivalleiterin Lisa Mai für die Festivalbeilage im Augustin. Das Gespräch fand am 5.7.2019 im Garten des Volkskundemuseum Wien statt.
Clara Schmidl hat Internationale Entwicklung studiert. Aktuell arbeitet sie im pädagogischen Bereich, ist Bassistin bei Pyrite und gelegentlich als freie Journalistin tätig. Daneben ist sie Radiomacherin bei Radio Orange.

CLARA SCHMIDL: Seit 10 Jahren leitest du das Open Air Kurzfilmfestival, das zuerst espressofilm hieß und dann dotdotdot. Der Ort ist gleichgeblieben. Was hat sich verändert?

LISA MAI: Der Garten des Volkskundemuseum Wien ist immer noch der schönste Platz für Open Air Kino, weil er die Dimensionen eines Kinosaals hat. Er passt genau zu uns: dotdotdot ist ein Festival, wo ich die Gesichter der Leute sehen will – und dass die Leute untereinander ihre Gesichter sehen können. Hier soll ein gemeinschaftliches Erlebnis möglich sein. Mit dotdotdot wollten wir espressofilm total neudenken: weg von Länderschwerpunkten, hin zu themenbasierten Abenden. Wir haben das Angebot für Kinder geöffnet und den barriereFREItag eingeführt. Mir war früher nicht bewusst wie leicht es ist, Kino für Communities zu adaptieren, die aufgrund von Hör- oder Sehbehinderungen keinen vollen Zugang zu Film haben! Es gibt technische Möglichkeiten, Software, Dolmetscher*innen – wenn man das alles nicht berücksichtigt, ignoriert das jeden Gedanken von Gleichberechtigung. Es kostet halt Geld. Leider gibt es keine einzige Förderung für inklusive Maßnahmen im kulturellen Bereich.

Aus dem Festivalprofil: Nur wer miteinander Filme sehen kann, kann miteinander über Filme reden. Was kann Film bewirken?

Film kann einen Raum schaffen, in dem alle Themen erzählt werden können, wo alle Menschen ihren Platz haben sollten. Damit hat der Film eine riesige Kraft. So können wir unsere Welt, unsere Haltungen, das, was gut und das was schiefläuft, thematisieren und viele Menschen erreichen. Kurze Formate können große Fragen aufwerfen. Sie haben meist ein offenes Ende, das kann dich unendlich beschäftigen. Wenn Themen nur angerissen werden, kann das bei jeder*m völlig andere Erfahrungen ansprechen und Assoziationen hervorrufen.

… und dann gibt’s Filmgespräche.

Wir wollen mit den Filmen Impulse geben. Sie sollen nicht belehrend sein, können aber sehr beschäftigen. Das Festival ist dazu da, einen Dialog zu ermöglichen. Die Filmgespräche werden extrem gut genutzt. Das ist für mich der schönste Teil: danach darüber reden und von den Leuten hören, was es in ihnen ausgelöst hat.

Das typische Filmfestival-Publikum ist weiblich, jung, gebildet und geht auch sonst ins Kino. Wie sprichst du Menschen außerhalb dieser Blase an?

Das war einer der wichtigsten Gedanken beim Relaunch zu dotdotdot. Es ist nicht so leicht, Communities anzusprechen, die bisher nicht vom Kino angesprochen worden sind. Das haben wir gemerkt, als wir begonnen haben, mit Gehörlosen-Communities zusammenzuarbeiten. Zu sagen, wir haben jetzt Programm mit Untertitelung und Gebärdensprachdolmetscher*innen, macht dich noch nicht glaubwürdig. Du musst die Menschen als Akteur*innen involvieren, gemeinsam Veranstaltungen machen. Das erste Jahr mit den barriereFREItagen wurde registriert, aber erstmal von Weitem beobachtet. Inzwischen arbeiten wir eng zusammen. Wir haben gezeigt, dass wir es ernst meinen und dass das keine Alibi-Veranstaltung ist. Das kann man auch auf andere Gesellschaftsbereiche umlegen. Im schönsten Fall sind das dann nicht separate Zielgruppen-Screenings, sondern es fließt ineinander. Dafür brauchst du ein gewisses Budget – und Zeit.

Das Forum österreichischer Filmfestivals kritisiert, dass es zu wenig Mittel gibt. Wie gehst du damit um?

Ich bin hin- und hergerissen. Es ist schon die Verantwortung der Geschäftsführung einer Einrichtung, im Blick zu haben, was realisierbar ist. Für mich kommt nicht in Frage, mehr Programm zu machen, wenn das auf Kosten der Mitarbeiter*innen geht. Weil unser Budget nicht nennenswert wächst, machen wir immer gleichviele Veranstaltungen. Gleichzeitig gibt es für Filmfestivals wirklich zu wenig Geld. Mit mehr Budget könnten wir viel weiter und mutiger in Richtung Kino für alle gehen. Wir hätten so viele Ideen! Zu sagen, dann macht halt weniger, wie das manche Fördergeber*innen tun, halte ich für keinen guten Ratschlag – weil gewisse gesellschaftspolitische Themen, die gerade »brennen«, eine intensive Auseinandersetzung brauchen. Die müssen behandelt, gesehen, besprochen werden.

Was wünschst du dir für die nächsten Jahre? Wie sieht die Zukunft des Festivals aus?

Es gibt nur einjährige Förderzusagen. Wenn man ein halbes Jahr den Förderanträgen hinterherhechelt anstatt inhaltlich zu arbeiten, taucht schon die Frage auf: Warum tut man sich das Jahr für Jahr an? Da stehe ich auf ganzer Linie mit dem Forum österreichischer Filmfestivals: Es müssen dringend Mehrjahresförderungen her. Zeit ist der Knackpunkt. Wenn wir Zeit gewinnen und es mehr Geld gäbe, könnten wir alle noch viel weiter und viel mutiger in die Richtung eines Kinos für alle gehen. Wir haben bei dotdotdot so viele Ideen und Konzepte in der Schublade, die wir finanziell nie umsetzen konnten. Zum Beispiel Filmwerkstätten, in denen sich Menschen begegnen können. Dieser Begegnungsmoment ist für dotdotdot zentral – die Punkte einerseits miteinander zu verknüpfen, aber gleichzeitig auch den Ausgang offenzulassen und Räume zu öffnen. Ich schätze die inklusiven Angebote, die es in dieser Stadt gibt, viele konzentrieren sich aber auf spezielle Communities und sind dann damit doch wieder exklusiv. Ich würde mir ein Festival wünschen, wo alle miteinander in Berührung kommen. Dafür braucht es allerdings die finanziellen Ressourcen, um das Festival so aufzubereiten, dass es noch viel mehr Menschen nützen können.

Was befeuert dich?

… dass immer noch diese Gänsehaut da ist. Wenn ein Filmabend hier stattfindet und die Atmosphäre ist so wundervoll, und man merkt die Spannung im Publikum, ist das für mich totale Magie: Wenn wir gleichzeitig kollektiv und jede*r für sich in dieses Erlebnis eintauchen.