GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND

Fr 2.8.2019
21:00
FILM

Eine Art erwachsene Pippi Langstrumpf, stets im markanten roten Kleid und kongenial verkörpert von Kristine de Loup, weigert sich das in einer Krankenhausmülltonne aus einer Plazenta geborene Kübelkind partout sein Dasein gesellschaftskonform zu fristen. Das Kübelkind sieht sich alles neugierig an, fragt immer etwas zu viel und nimmt sich, was es begehrt. Es klaut, hat Sex, verführt die einen und führt andere vor.

Digital restauriert, rebelliert Edgar Reitz und Ula Stöckls Geschöpf fünf Jahrzehnte nach der Uraufführung lustvoller denn je auf der Kinoleinwand. Gezeigt wurden die auf 16mm-Film gedrehten Episoden ursprünglich in einem Münchner Kneipenkino auf Bestellung anhand einer eigens gefertigten Menükarte, aus der die Gäste auswählen konnten. dotdotdot lässt dieses Konzept in Kollaboration mit CineCollective (Kaleidoskop – Film und Freiluft am Karlsplatz) aufleben: Gespielt wird, was ihr wollt!

Durch den Abend führt CineCollective: Djamila Grandits, Marie-Christine Hartig, Lisa Mai und Doris Posch.


GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND
Edgar Reitz, Ula Stöckl • BRD 1971 • 204′ (Auswahl) • dOF


WARUM KÜBELKIND?

Ein Statement von Ula Stöckl und Edgar Reitz

Weil wir 1969 keine Lust hatten, einen 90 Minuten-Spielfilm zu machen, der wieder ohne Verleih bleibt.
Weil uns mehr Geschichten einfielen, als für einen Spielfilm gut gewesen wäre.
Weil wir uns beim Drehen nicht festlegen wollten, ob der Film 2 oder 20 Minuten lang wird. Deswegen haben wir dann viele 2 bis 20 Minuten lange Filme gedreht.
Weil, wenn man nicht an einen deutschen Verleih denken muss, die Welt wieder schöner wird.
Weil wir wahre Geschichten lieben, aber auch unwahre.
Weil das Kübelkind manchmal am Ende einer Geschichte tot sein darf, ohne für die nächste Geschichte gestorben zu sein.
Weil wir gerne mit Kostümen spielen, aber auch ohne.
Weil wir gerne eine Erziehungsgeschichte drehen wollten.
Weil wir alle unsere Freunde in schönen Rollen sehen wollten.
Weil wir eine solche Wut hatten.
Weil das Kübelkind gerne fickt.
Weil wir Scheiße finden, dass sie das büßen muss, und weil wir auch auf die FSK scheißen.
Weil eines Tages die Kassetten kommen, und weil wir wissen wollen, ob das auch wieder so wird mit den Verleihern.
Weil wir vom Bundesinnenministerium gerade Geld bekommen hatten und es auf keinen Fall zurückgeben wollten.
Weil wir auch Kübelkinder sind …
… und schließlich haben wir dann in München ein Kneipenkino aufgemacht, und da läuft Kübelkind alle Tage außer montags ab 23 Uhr, Eintritt DM 3,50 und Kübelkinder stehen auf der Speisekarte.

(Edgar Reitz Stiftung)

KÜBELKIND-MENÜKARTE

1) ALTE MÄNNER (1’06’’)
Wenn Kübelkind es will, stehen manche Männer ganz schnell in der Unterhose da.

2) KÜBELKINDS KINDHEIT (6’13’’)
Diese Geschichte sollte man sich auf jeden Fall ansehen! Eine Nachgeburt macht sich selbständig – dann aber kommt die Wohlfahrt.

3) KÜBELSYNDROM (10’15’’)
Etwas über die Fähigkeit unserer Gesellschaft, alles zu verstehen, zu verzeihen und zu vergelten.

4) DES HAUSES SCHMUCK IST REINLICHKEIT (4’30’’)
Kübelkind unter der Dusche, im Regen und in der Traufe.

5) KATZEN HABEN FLÖHE (8’34’’)
Kübelkind tut so, als würde es schlafen. Weil es gerne wissen möchte, was dann passieren kann. Aber die Stiefmutter kommt dazwischen.

6) KÜBELKIND WIRD GLATT UND RUND (4’52’’)
Kübelkind erlebt einen Erziehungsversuch durch einen geistlichen Herrn, der genau weiß, was gut tut.

7) EIN GANZ KLEINES GLÜCK (2’03’’)
Kübelkind treibt es mit den Früchten des Feldes.

8) KÜBELKIND LERNT EINEN LORD KENNEN UND WIRD AUFGEHÄNGT (17’10’’)
Das stimmt, aber die Rache ist ganz besonders süß.

9) KÜBELKIND ERZÄHLT EINER KÖNIGIN EIN MÄRCHEN (6’08’’)
Eine Geschichte zum Hinhören und Zuschauen.

10) KÜBELKIND LERNT EIN SCHEISSSPIEL (3’31’’)
Kübelkind erfährt am eigenen Arsch, wie zwischen Streicheln und Hauen ein spaßiger Zusammenhang entsteht.

11) KÜBELKIND LERNT NEIN SAGEN (16’40’’)
Kübelkind feiert eine Hochzeit, aber im entscheidenden Augenblick wird es trotzig, worauf die Waffen sprechen.

12) MURMELTIER LERNT TANZEN (18’51’’)
Kübelkind soll für den Jahrmarkt erzogen werden, singt schöne Lieder, beschimpft die Leute und brennt mit der Kasse durch.

13) ALLE MACHT DEN VAMPIREN (2’19’’)
Es ist kaum zu glauben, wie viele Vampire es geben könnte. Kübelkind ruft sie zu einer großen Demonstration auf.

14) FREIHEIT DURCH AL CAPONE (18’36’’)
Kübelkind redet dauernd von Revolution, aber Al Capone, die Sau, von etwas ganz anderem.

15) EINE KAUFHAUSDIEBIN (3’38’’)
Nach einem schönen Kaufhausbummel sitzt Kübelkind auf dem Schoß einer Kollegin und macht nur ein bisschen mit.

16) BESONDERS NETTE ELTERN (9’’)
Kübelkind muss lernen, dass ein Beischlaf auch dann von Übel ist, wenn er auf dem Klo vollzogen wird.

17) NIEDRIG GILT DAS GELD AUF DIESER ERDE (15’13’’)
Kübelkind geht auf den Strich und wird dafür ermordet.

18) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kasse.

19) DIE HEXE SOLL BRENNEN (4’15’’)
Muss Kübelkind auf dem Scheiterhaufen enden? Kommt eine Rettung von oben?

20) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kasse.

21) KÜBELKIND HAT EINEN GUTEN MENSCHEN ZUM FRESSEN GERN (9’35’’)
Liebe geht durch den Magen, aber manchmal verdirbt man sich ihn dabei.

22) KÜBELKIND ERSÄUFT KÜBELKINDER (4’13’’)
Dazu gibt es schöne Musik, und alles ist sehr poetisch.

23) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kinokasse erfragen.

24) KÜBELKIND REITET FÜR DEN KÖNIG (25’30’’)
Der größte Film aller Zeiten. Intrigen, alte Gemäuer, quietschende Fußböden, die Königin schläft mit dem falschen Mann, Kübelkind heiratet d’Artagnan und reitet auf einem weißen Pferd, noch mehr Intrigen, und Kübelkind macht mit. Dafür soll sie am Ende an allem schuld sein.

25) DAS BANKKONTO IM WALDE (11’46’’)
Kübelkind glaubt an unser Kreditwesen. Muss deshalb aus dem vierten Stock eines Hauses springen und ein trauriges Lied singen.

26) bis 64) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kinokasse hinterlegen.

(Edgar Reitz Stiftung)

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