AUF DEM GRUND DES WÄSCHEKORBS

Adele Razkövis Kurzfilm nähert sich einem Alltagsmythos – dem leeren Wäschekorb. Ausgehend von der dokumentarischen, höchstwahrscheinlich autobiografischen, und auf alle Fälle philosophischen Fragestellung, was sich auf dem Grund des Wäschekorbes verbergen könnte, wenn er denn je einmal erreicht wäre, setzt die Protagonistin zum Sprung an. Animation, Malerei, Musik, Skulptur, Literatur und Tanz – unterschiedlichste Disziplinen fließen ineinander und ergeben eine mehrstimmige Ode an einen gewöhnlichen Gegenstand. (Christina Wintersteiger)

LOVING IN BETWEEN

»Birthing is hard, dying is mean. Get yourself a little loving in between.«
– Langston Hughes

»Gönnt euch zwischendurch mal etwas Liebe!« Mit diesen ermunternden Worten des afroamerikanischen Dichters Langston Hughes eröffnet Jyoti Mistry ihren Kurzfilm, der in Archiven gefundenes Filmmaterial aus dem 20. Jahrhundert zu einer dynamischen Montage verdichtet. Lustvoll enthüllt und erhellt die Künstlerin filmische Spuren queerer Sexualität, die auf der Tonspur von einer eindrucksvollen Spoken-Word-Performance begleitet werden. Swing Time! (Diagonale)

DIE RÄUBERINNEN

Agnes, Gloria und Medusa fahren aufs Land, um sich auf einen Raubüberfall vorzubereiten. Bei dem wollen die drei trans Frauen zur Tarnung als Männer auftreten – so der Plan. Die nächsten Tage verbringen sie mit der Probe des Coups und dem Einstudieren männlich konnotierter Verhaltensweisen. (…) Während ihr Alltag als Freundinnen und Beziehungspersonen nicht einfach aufhört, wechseln sich Heiterkeit und Verzweiflung ab, denn so viel performte Cis-Männlichkeit auf einmal ist anstrengend. In nur 15 Minuten lässt der zärtlich-radikale, dichte und komplexe Kurzfilm Zuschauer*innen und Protagonistinnen ein breites Spektrum von Gefühlszuständen durchleben. (Julia Polzer, Diagonale)

CHICKENSSUIT – ERNI

Hendl Erni ist keineswegs irritiert, dass man es in einen rotweißroten Anzug gesteckt hat. Auch das Eierlegen würde funktionieren in diesem »Chickenssuit«, den ihm Edgar Honetschläger 2005 für eine Kunstaktion in Tokio auf den Leib geschneidert hat. Die mittlerweile global patentierte Kleidung für Hühner ist eine Reflexion über die Befindlichkeit der industrialisierten Welt. Nicht der Anzug mit Tragegriff ist das Ergebnis, sondern unsere Lust auf schräge Bilder und damit zu weckende »Bedürfnisse«, selbst auf absolut Unnötiges.

HOW TO DISAPPEAR

HOW TO DISAPPEAR ist ein Antikriegsfilm, der am unwahrscheinlichsten Ort nach Möglichkeiten für Frieden sucht: in einem Online-Kriegsspiel. Es ist eine Hommage an den Ungehorsam, sowohl in der digitalen als auch in der physisch-realen Welt des Krieges. Gedreht in den malerischen Landschaften von »Battlefield V«, wird die hyperreale Grafik zur Kulisse einer geistreichen Erzählung über die Geschichte der Fahnenflucht – ein kaum beachteter Teil in der Historie unserer Zivilisation. (Berlinale)

MEIN KIND

Eine Meditation über Kindheit und wie sie besser nicht sein sollte. Jenseits festzumachender Genres vertont und bebildert Max Oravin seine hypnotischen Wortströme und geschliffenen Textminiaturen. In Oravins alchemischem Labor verwandeln sich Wörter in sprachlose Musik. Das kann zuweilen verstörend sein.

RE-ANIMATED SPARTA

151.500 Frames in vier Minuten, 25 algorithmisch komprimierte Einzelbilder pro Filmbild. Holger Lang kondensiert das komplette visuelle Material des Schlachtenepos 300 – vormals SPARTA – zu einem gleichermaßen berauschenden wie antinarrativen Metablockbuster mit 25 algorithmisch komprimierten Einzelbilder pro Filmbild. Im Wirbeln der Cluster lebt die Geschichte fort, doch bleibt deren Decodierung der Maschinenwelt vorbehalten – jenseits der menschlichen Wahrnehmung. (Diagonale)

TATIMO

Das Filmmonster TaTiMo erschreckt täglich Leute im Kino. Doch auch diese Aufgabe wird irgendwann fad. TaTiMo reißt aus seinem Film aus, um jemanden zum Spielen zu finden.

CEROLAX II

In CEROLAX II, einer Werbe-Persiflage Marke Mara Mattuschka, Realtrick in Schwarzweiß, bewirbt der Star Mimi Minus ein neues klebrig-schwarzes Gehirnspülmittel, das M. M. erst auf ihr Spiegelbild anwendet, um eine Gehirnhälfte reinzuwaschen, und das sie in der Folge auf ihren Körper aufträgt: Sie besprüht alle Zeich(nung)en, ersetzt diese Flecken durch die neue Farbe, verklebt dann mit dem Wundermittel ihre Sinne: erst die Scham, dann die Achseln, schließlich Augen, Mund und Ohren. Am Ende setzt die leicht devastierte und solchermaßen gereinigte Hausfrau eine Perücke auf und richtet ihren Blick prüfend in den Kamera-Spiegel. (Christa Blümlinger)

CHEZ NICOLE

Viki Kühn möchte mit ihren Filmen vor allem eines: berühren. Das gelang ihr mit FRIEDL (2011), und es gelingt ihr auch mit diesem schön gestalteten Porträt der als Lionel geborenen Französin Nicole, Mutter von vier Töchtern. Sie hat viel erlebt und noch mehr durchgemacht, nach dem Wechsel ihres Geschlechts mit fast 70 Jahren wurde sie Tänzerin, Kunsthandwerkerin und Fotomodell. Kühn kommt ihrer Protagonistin respektvoll nahe (etwa bei der Kleider-Anprobe oder vor dem Schminkspiegel) und zeigt sie beim Tänzeln in der eigenen Wohnung, während Nicole auf der Tonspur offen aus ihrem Leben erzählt. (Viennale)