ONE MILLION STEPS

Die niederländische Stepptänzerin Marije Nie bricht bei einem Konzert durch die Bühne und landet in Istanbul, mitten im Unbehagen der aufkommenden Proteste rund um die Besetzung des Gezi-Parks im Sommer 2013, wo die Polizei mit Tränengas gegen die für die Erhaltung des Parks demonstrierenden Menschen vorgeht. Als sie sich auf einen gemeinsamen Rhythmus mit den BewohnerInnen der Metropole einlässt, schreibt sich ein dokumentarisches Musikmärchen in in einer Million Schritte. Dabei weitet die Filmemacherin Eva Stotz das Thema ins Philosophische aus: Sie spürt nicht nur den rhythmisierten Schritten Nies und mit ihr den Geräuschen dieser pulsierenden Großstadt nach, sondern sinniert über die Schritte jedes Einzelnen: Wie frei sind wir in unseren Schritten, in der Entscheidung, wohin uns unsere Schritte führen?

INTELLIGENTE BÄUME

Faszinierende Reise durch das »Wood Wide Web«: Die kanadische Forstwissenschaftlerin Dr. Suzanne Simard (The University of British Columbia) und der Förster und Bestseller-Autor Peter Wohlleben untersuchen die Kommunikation zwischen Bäumen, unter anderem durch ihr weit verzweigtes, unterirdisches Wurzelsystem. Können Bäume tatsächlich miteinander sprechen? Ist es wahr, dass Mutterbäume sich um ihre Kinder und um alte und kranke Nachbarbäume kümmern? Gibt es so etwas wie Verbundenheit unter Bäumen? INTELLIGENTE BÄUME beleuchtet die Kommunikationsstrategien einer verborgenen Gemeinschaft und befasst sich mit der Frage, welche Bedeutung diese Erkenntnisse für unser eigenes Leben und unser Verhältnis zum Wald haben könnten.

WAS BLEIBT

WAS BLEIBT handelt von den Leerstellen, die Krieg und Gewalt erzeugen. Der Film besteht aus langen, statischen Totalen von Plätzen und Landschaften im heutigen Bosnien-Herzegowina. Die Alltäglichkeit, Banalität und Schönheit der gezeigten Orte stehen in Kontrast zu der Tatsache, dass sie alle während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 Schauplätze von Kriegsverbrechen waren. WAS BLEIBT ist ein filmisches Gedenken über die Grenzen der Darstellbarkeit und des Verstehens hinweg. Die gezeigten Orte stehen für sich. Sie erklären sich nicht, sie werfen die an sie gestellten Fragen zurück.

RETREAT

Tausende junger Leute wurden in den letzten 20 Jahren in Nordmazedonien rekrutiert, um in den Küchen und Wäschereien der US-Militärstützpunkte in Afghanistan und im Irak zu arbeiten. Ihren Lohn investierten ihre Familien in der Heimat in den Bau kleiner Paläste und lukrativer Immobilien. Mit dem Abzug der letzten Truppen 2021 aus Afghanistan kamen viele von ihnen zurück – und mit ihnen Traumata und Kriegserfahrungen. Der Dokumentarfilm beschreibt die komplexen Zusammenhänge zwischen vermeintlich abstrakten Kriegen in der Ferne und sehr konkreten Auswirkungen in der Heimat. Er zeigt den Preis der Arbeitsmigration und legt die Gewinne und Verluste jahrzehntelang andauernder politischer und wirtschaftlicher Krisen offen. (Berlinale)

DEICHKIND: RICHTIG GUTES ZEUG

In ihrem Musikvideo zum Hit RICHTIG GUTES ZEUG aus dem Album WER SAGT DENN DAS? feiern die begnadeten Sprücheklopfer und Sloganizer Deichkind zu minimalistischen Beats Dinge, die unser Leben bereichern: Hanftropfen, Hagebuttentee aus der Jugendherberge, Fernreisen, Markenklamotten, sogar Modeschmuck (»Boah, krass, Glööckler-Strass!«). Extravagant in Szene gesetzt und mit Unterstützung durch den Schauspieler Lars Eidinger entsteht eine absurde, aber wirkungsvolle Konsumkritik. Wie cool ist es überhaupt noch, ständig nach Neuem zu shoppen und darüber zu reden?

VIVA VIOLENCE

VIVA VIOLENCE verhandelt einen produktiven Gewaltbegriff: die Fähigkeit fantastischen Erlebens, die Wahrnehmung selbst bereits als Gewalt, kraft derer man man die Welt bewältigt und gestaltet.

Katharina Merten lebt als Künstlerin in Leipzig. Ihre Arbeiten behandeln soziale, politische und historische Aspekte der Populärkultur. Seit 2012 arbeitet sie an der Schnittstelle zwischen Bildender Kunst, Literatur mit Projekten wie Volte Studio, Initiative Wort und Bild, ANACONDA and Heroes.

ALLES IST HIN

Ingo staunt nicht schlecht, als plötzlich eine ihm unbekannte Frau in seiner Wohnung steht und sich als seine neue Mitbewohnerin vorstellt. Zwei Existenzen prallen aufeinander, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten: Maja ist Mitte sechzig und lebt meistens auf der Straße, Ingo ist Ende zwanzig und lebt noch immer von seiner Mutter. Die beiden lassen sich dennoch aufeinander ein. Mit brillantem Ensemble inszeniert Jan Prazak eine bewegende Annäherung, die nicht nur die Fragilität von Biografien offenbart, sondern auch die Idee zutage fördert, dass so manch Kaputtgegangenes vielleicht doch noch repariert werden kann. (Cinema Next)

SATURN RETURN: DER HAUSARZT / EINE AUFREGENDE LEKTÜRE / LEBENDER MARMOR

Die Literaturstunde kredenzt drei ausgewählte Episoden aus Daniela Zahlners originellem zeitgenössischen Kommentar zu einem Abschnitt der österreichischen Filmgeschichte: Queere Reinterpretationen erotischer Stummfilmfantasien, die von 1906 bis 1911 von der Wiener Filmgesellschaft Saturn produziert wurden. »Saturn kehrt zurück, komisch, fantasievoll, mit Jux und Tollerei: jenseits des Patriarchats, diesseits des Lustprinzips.« (Philipp Stadelmaier, Diagonale)

DOPPELGÄNGER

Es ist Freitag der 13. und Vollmond, als Erich Taschek in seinem Badezimmer einen Herzstillstand erleidet und verstirbt. Doch ist dies wirklich der Zeitpunkt, an dem der Vater aus dem Leben der Filmemacherin verschwindet? Michaela Taschek begibt sich mithilfe der Aufnahmen aus dem Familienarchiv auf eine essayistische Spurensuche. Ihre These: Der Vater ist bereits 24 Jahre zuvor gegangen und wurde durch einen »Doppelgänger« ersetzt.

PAINTING REALITY

500 Liter umweltfreundliche Farbe auf Wasserbasis, die nach einem Konzept des holländischen Konzeptkünstlers IEPE von anonymen Aktivist*innen auf der Straßenkreuzung am Rosenthaler Platz in Berlin ausgekippt worden sind, werden von rund 2000 Autos auf dem Asphalt verteilt. Es entsteht ein kollektives Kunstwerk von großer Schönheit und Vergänglichkeit.