TESTUDO HERMANNI

Die Kühlschranktemperatur beträgt 5 Grad, ideale Bedingungen für Frischkäse, Milch – und Tony. Seit über 20 Jahren lebt die griechische Landschildkröte bei der Familie des Regisseurs. Im Gegensatz zur weißen Winterlandschaft im Wandkalender ist der Salzburger Untersberg jedoch kaum mit Schnee bedeckt. Da die Winter auch hier milder geworden sind, ist Tony zum Überwintern ins Gemüsefach umgezogen, um die notwendigen Bedingungen für eine mehrmonatige Winterstarre vorzufinden. »Eine Beziehungsgeschichte, die im Angesicht der Unvorhersehbarkeiten eines sich verändernden Klimas, der Zunahme extremer Wetterereignisse und starker Temperaturschwankungen eine Resilienz entwickelt, in der nicht nur Vor- sondern vor allem auch Fürsorge eine wesentliche Rolle spielt.« (Martina Genetti)

WANKOSTÄTTN

In hellem Anzug mit elegantem Hut und Krawatte steht Karl Stojka auf der Quellenstraße in Favoriten, einem ehemaligen Arbeiter*innenbezirk in Wien. Wir folgen dem Sog seiner Erinnerungen, wie er bewegend vom Leben der Rom*nja im nationalsozialistischen Wien und in der Lovara-Siedlung Wankostättn berichtet. Der gleichnamige kurze Dokumentarfilm basiert auf Interviews, die Karin Berger 1997 mit Karl Stojka geführt hat. Als zwölfjähriges Kind wurde er 1943 mit seinen fünf Geschwistern in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Er hat überlebt, so wie seine jüngere Schwester Ceija Stojka, die Karin Berger schon früher in zwei berührenden Filmen porträtiert hat. Der aktuelle Film ist das Ergebnis einer langen, freundschaftlichen Verbundenheit der Filmemacherin mit Ceija und Karl Stojka und ein einzigartiger Film über einen verschwundenen Erinnerungsort. In einer Gegenwart, in der die letzten Zeitzeug*innen sterben, stemmt sich die Dokumentarfilmemacherin Karin Berger gegen das drohende Schweigen und zeigt eine essenzielle Funktion des Kinos auf.

MUSICLESS MUSICVIDEO: DIRTY DANCING – TIME OF MY LIFE

In seinem Metier sollte man sich im Ton wirklich nicht vergreifen. Nachdem er sie um den Faktor Musik bereinigt hat, fettet der oberösterreichische Sounddesigner Mario Wienerroither Musikvideos und Serienintros mit realitätsgetreuen Szenengeräuschen wieder auf. Spaghetti, Erdnüssen und Zimmerpflanzen sei Dank. (Martin Macho)

WURSCHT

Wie Fleischeslust Träume, Schmerz und Liebe inszeniert, täuscht Wurst über ihre Herkunft hinweg. Aus einem Schwein wird nicht das Endprodukt Wurst, sondern dieser Film.

SET IN MOTION

SET IN MOTION ist eine gleichermaßen humoristische wie unheimliche filmische Kettenreaktion, die die wechselvollen und nicht immer unproblematischen Beziehungen zwischen menschlichen Körpern und Möbeln choreografiert. Eine Lagerhalle für Gebrauchtmobiliar wird zu einem Schauplatz entfesselter Kinetik umfunktioniert. Sieben Performer*innen bilden mit einzelnen Möbelstücken (ein Sessel, ein Tisch, ein Hocker) einen skulpturalen Dialog: Hockend, kauernd, liegend bilden sie Flächen, Winkel, Ebenen, Verstrebungen und lassen ihre Gliedmaßen als Verlängerungen hervorschauen. Neue dynamische Skulpturen entstehen, loten aus, wie Körper mit Möbeln verschmelzen können, wie es sich anfühlt, ein Tisch, ein Sessel, ein Fauteuil zu sein. Aktionen der Körper lösen Reaktionen des Materials aus, sodass ein filmischer Belastungstest entsteht, der die Grenzen zwischen Mensch und Ding verwischt. (Crossing Europe)

DAS WACHTELKÖNIG PARADOX

Der Wachtelkönig kann in Ruhe brüten: Wenn wenige Tage vor dem 26. Oktober tarngrün gewandete Männer den Wiener Heldenplatz für den Nationalfeiertag herrichten, schlägt die Stunde der Leistungsschau des österreichischen Bundesheeres. Georg Oberlechner dokumentiert dieses Ereignis in vier Kapiteln, deren Titel die Dramaturgie eines Militärmanövers nachzeichnen. (Melanie Letschnig)

DER PRATER

Eine ungewöhnliche Reise durch den Wiener Prater beginnt und zeigt ihn von einer anderen Seite, als gewohnt.

AM HIMMEL

»Am Himmel« in Wien wird Maya plötzlich wach, mitten in der Nacht. Etwas ist passiert, aber was? Regisseurin Magdalena Chmielewska folgt ihrer präzise gezeichneten Hauptfigur durch die psychologische Wiederholung eines Gewaltakts. Maria Spanring brilliert als komplexe, starke junge Frau. (Diagonale)

SEEEN SEHEN

In einer Hochgeschwindigkeitsfahrt von 160 Ansichtskarten pro Minute werden die Zuschauer*innnen zum Soundtrack von Pulsinger & Tunakan in die Höhen und Tiefen der österreichischen Postkartenseele katapultiert. Im Stakkato-Schnitt von SEEEN SEHEN verschwimmen 800 Postkartenansichten heimischer Seen in einem hypnotischen Strudel zu einem einzigen imaginären Österreich-See.

ACHILL

In ACHILL tritt eine Frau aus ihrer Welt, um einen Mann zu treffen. Die Begegnung verläuft desillusionierend, die Frau zieht sich am Ende wieder zurück. Sie ist Künstlerin, she animates films. Der Film, den sie gerade animiert, ist ein Film über diese Begegnung und darüber, wie Schärfe und Unschärfe einander ausschließende Bewusstseinszustände sind. (Sylvia Szely)