BILDER AUS DEM TAGEBUCH EINES WARTENDEN

Schauplatz des Films ist die österreichisch-ungarische Grenze, wo Rekruten des Österreichischen Bundesheeres ihren Dienst absolvieren. Mit Nightvision-Kameras und Handys filmen sie ihre Langeweile, Albernheiten und improvisierten Stunts. Judith Zdesar arrangiert diese Aufnahmen mit ruhigen Landschaftsbildern. Im Zentrum steht die totgeschlagene Zeit des Präsenzdiensts in der Randzone des Schengenraums. Die Soldaten reflektieren in banalen Monologen über ihre Situation und Zukunft. So entsteht ein Kriegsfilm ohne Krieg, in dem Sinnsuche und Absurdität unheimlich nahe rücken.

EMBARGO

Mit ausgeklügelter Aufnahmetechnik haucht Johann Lurf mehreren österreichischen Rüstungsfirmen Leben ein – genauer gesagt deren architektonischer Oberfläche, dem aus der Distanz Sichtbaren, das sich dem Informationsembargo im Inneren widersetzt. Zum treibenden Gaming-Sound von Jung an Tagen verschieben sich Ebenen, glühen kontrastsatte Signallichter. Mitten unter uns und doch wie aus einer anderen Welt. (Diagonale)

Der Titel EMBARGO ist bewusst zweideutig gewählt, denn einerseits unterliegen viele mögliche Märkte für die Waffenindustrie einem Embargo, andererseits ist diese, um in Ruhe arbeiten zu können, darauf angewiesen, dass nach Möglichkeit ein Informationsembargo in eigener Sache wirksam wird. Waffenfirmen sind nicht gern in den Medien. (Johann Lurf)

IGNORANZ

Eine Tour de Force durch die Gedankenwelt eines jungen Mannes. In nüchternen Räumen und konzentriertem Schwarz-Weiß entfaltet sich ein existentieller »In your face«-Monolog über Nähe, Distanz, Entfremdung und Zugehörigkeit.

DU, MEINE KONKRETE UTOPIE

Ein Blick aus der U-Bahn-Station auf die charakteristischen Türme: Willkommen in Alt-Erlaa. Die in den 1970er-Jahren in Wien von Harry Glück entworfene modernistische Wohnanlage beherbergt rund 32 Freizeitvereine – in niedrigen, vor Tageslicht geschützten Räumen widmet man sich dem Modellbau, der Gymnastik oder dem Fotografieren.

In Zara Pfeifers Fotofilm treffen mit einer Mittelformatkamera aufgenommene Fotografien auf iPhone-Audioaufnahmen. Es vermittelt sich eine regelrecht unheimliche Diskrepanz zwischen Bildern, die Bewegung im Stillstand festhalten – tanzende Paare, lachende Gesichter, sich dehnende Gliedmaßen –, und der davon abgetrennten Geräuschkulisse, die vom Leben in Alt-Erlaa erzählt. Es ist eine eigene kleine Welt – eine bis heute über weite Strecken intakte Utopie aus Beton und Neonröhren, Geselligkeit und Freizeitspaß. (Diagonale)

GEFÜHL DOBERMANN

Eine Drehpause: Protagonist*innen führen Smalltalk, es spielen Kinder, ein Mops schnauft. Die Regisseurin brieft die Mutter zur anstehenden Szene, doch diese verweigert Fessel und Knebel. Sie verstehe den Zorn der Tochter nicht, klagt sie. Ob den der Filmfigur oder den der Verwandtschaft, bleibt unklar. Wie sich auch der weitere Handlungsverlauf der eindeutigen Unterscheidung von Spiel und Leben widersetzt. Vieles sei niemals richtig ausgesprochen worden, heißt es. Tatsächlich scheinen sich verdrängte Emotionen mit jedem Blick und jeder Geste in den Filmdreh zu übersetzen; in eine Wohnungsenge, die in der Unbarmherzigkeit von Handkamera und Naturlicht zunehmend Beklemmung suggeriert. Ein subtil gebautes Kammerspiel über (familiäre) Sprachlosigkeit, Kindheitstraumata und Sadismus. (Sebastian Höglinger, Diagonale)

LILLYS (GROSSER) TRAUM

Während sie im Garten spielt erspäht die Hündin Lilly ein Flugzeug. Von da an hat sie einen großen Traum: Fliegen!

MISSBRAUCH WIRD BESTRAFT

Während einer abendlichen Schnellbahnfahrt kreuzen und trennen sich die Wege verschiedener Personen: eine junge Frau, eine Mutter mit Kind, ein Pensionist, eine Schülerin, ein älteres Ehepaar. Zusammengeschweißt im Moment, offenbart sich angesichts eines gewaltvollen Übergriffs ein Mikrokosmos des Wegschauens, der von Ulrike Schweiger mit genauem Blick seziert wird.

MISSBRAUCH WIRD BESTRAFT, entstanden während des Studiums an der Filmakademie Wien, wurde weltweit auf mehr als 30 Filmfestivals gezeigt und vielfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem auf dem Festival International du Film d’Amiens (1998), dem International Short Film Festival Berlin (1998), dem Fort Lauderdale International Film Festival (1999) und dem Melbourne International Film Festival (1999).

BOOMERANG

Peinliche Szene bei der Einweihungsparty der neuen Wohnung von Danas Mutter: Vor dem Haus sitzt ihr Vater, der nunmehrige Ex-Mann, im Auto und lässt sich nicht abwimmeln. Kurios, dass der Snapchat-Filter, durch den Dana ihre Eltern betrachtet, die später vor ihr auf dem Sofa sitzen, die Realität nicht so grotesk verzerrt, wie zu erwarten wäre.

Mit unbekümmerter Stilsicherheit und einem spielfreudigen Ensemble (u.a. Mercedes Echerer, Angelika Niedetzky) erzählt Kurdwin Ayub ihren ersten Kurzspielfilm – nach einer Reihe von vielfach preisgekrönten Dokumentarfilmen und filmischen Selbstporträts – zwischen albernem Witz und profunder Melancholie.

ATTWENGERS LUFT

Die Alpenrapper Attwenger unter dem Messer der Trickkamera: Reale Fotogesichter werden mit gemalten Körpersymbolen kombiniert; Frisuren geraten außer Kontrolle, tanzen Polka auf dem Kopf; und die von der Animation unterworfenen Musiker jagen im Rhythmus ihrer »Quetschn« über die Leinwand.

WIESO ES GIBT 3633 EMOJIS

Ein Film, der nur über Emojis erzählt ist! Bahnbrechend – oder eher nicht? Der Wiener Künstler Renfah ist von seiner Idee überzeugt und textet seinem Freund Christoph Schwarz das »Skript«. Emoji um Emoji wird die Bedeutung der Symbole diffuser, Schwarz’ Exit-Zeichen missversteht Renfah prompt. Doch dann das Glück im Unglück: Ein Kind und ein Hund übernehmen die Projektentwicklung. (Diagonale)