KOMMT EIN SONNENSTRAHL IN DIE TIEFKÜHLABTEILUNG UND WEICHT ALLES AUF

Kaffee am Morgen, danach Turnübungen im Garten, am Nachmittag fernsehen. Mit fürsorglicher Apathie leben Heidi und Harry aneinander vorbei. Doch für die seltsame Traurigkeit, die sich über den Alltag legt, gibt es vielleicht auch einen Grund. Lisa Webers Kurzspielfilm, der im Wettbewerb der Kurzfilmtage Oberhausen gezeigt und mit dem Österreichischen Kurzfilmpreis ausgezeichnet wurde, ist eine zurückhaltend liebevolle Betrachtung eines Miteinanders. In den Hauptrollen: die eigenen Großeltern. Drei Jahre später nahmen Oma und Opa übrigens auch die tragenden Rollen in Lisa Webers mehrfach preisgekröntem Dokumentarfilm SITZFLEISCH ein, in dem die Enkelin mit den Großeltern ans Nordkap reist.

LETTERS FROM A WINDOW

Stillstehende Bewegung – Bewegung im Stillstand – Fotofilm. Momentaufnahmen einer Reise durch städtische Zonen, durch ein verloren gegangenes Außen. Dazu das poetisch-monologisierende Voice-over einer Frau, die über die Trennung von der Welt, über Erinnerung und Traum reflektiert. Ein surrealer filmischer Brief über die unwirkliche Stimmung in Krisenzeiten. (Diagonale)

ALL NOW, ALL FREE!

Der marktführende Onlineversand liefert alles – Porto und kostenlose Retoure inklusive. Michael Heindl reizt diese Offerte schamlos aus und bestellt, was das Herz des mittellosen Künstlers begehrt. Ein Stapel Pakete = zwei kreative Arbeiten zum Nulltarif. Ein beglückend-kritisches Zeugnis über das Kunstwerk im Zeitalter seiner prekären Produzierbarkeit. (Diagonale)

HUNDESTRAND NORD

Mit viel Empathie entdeckt Benita Buhl am Hundestrand auf der Wiener Donauinsel das Kino als Möglichkeit, mit Menschen (und ihren Hunden) ins Gespräch zu kommen. Sie lauscht den Hundebesitzer*innen und beobachtet die spielenden Vierbeiner. Nebenbei entpuppen sich letztere als Freigeister, die sich weder von Menschen noch von der Kamera einfangen lassen. (Diagonale)

TINTENKILLER

»Hier ist ein Toter. Steinweg 7. Vermutlich Gewalt.« Ein Mord und dessen Aufklärung durch die Kriminalermittler*innen. Wäre es doch bloß so einfach. – 2010 feierte die Fernsehserie »Tatort« ihren 40. Geburtstag: Keine andere Produktion hat ein Genre so geprägt und ist über einen so langen Zeitraum Inbegriff deutscher Populärkultur gewesen. Veronika Schuberts Found-Footage-Animation TINTENKILLER schöpft aus diesem reichen Reservoir. Phrasen werden aus dem Zusammenhang gerissen, wiederholt und entstellt. Die konsequente Reduktion der Kommunikation erfährt durch die mit Tinte und Löschstift verfremdete Bildebene ihr visuelles Äquivalent.

IM ANFANG WAR DER BLICK

Man stelle sich ein Österreich-Portrait vor, gedreht von Jan Svankmajer und David Lynch. Dann bekommt man einen ersten Eindruck von Bady Mincks phantastischem Kinostück IM ANFANG WAR DER BLICK, in dem ein Schriftsteller Österreich in seinen Postkarten erforscht. Der Erzberg und Salzburg werden Landschaften zwischen Traum und Alptraum. Und die Texte, auf den Rückseiten der Karten verborgen, kommen als ein Flüstern ins Bild geschlichen: schreckliche, schmerzliche Texte, von wem auch immer geschrieben im Laufe der Zeit. Eine Spannung zwischen Bild und Text, Suspense zwischen Kultur und Landschaft. (Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung)

THE BIRTHMARK

Alle zweieinhalb Stunden wird in Mexiko eine Frau ermordet. In immersiven Bildern holen Pia Ilonka Schenk Jensen und Bernhard Hetzenauer die Geschichte zweier Menschen an die Oberfläche, wie sie in den Medien hinter dem Begriff »Femizid« verschwinden. Es ist die Geschichte von Consuelo und ihrer Tochter Victoria, die am 31. August ihren Geburtstag feierte und dann für immer aus Consuelos Leben verschwand.

SCHNEEMANN

Es ist Sommer, es ist heiß, und eigentlich hat Antonia nichts zu tun, außer Tschick rauchend im Bett rumzuhängen und das Zimmer der Mitbewohnerin zu durchstöbern. Vom Vater kehrt sie mit einer geschnitzten Doppelgängerin zurück, einsam bleibt sie trotzdem, die ersehnte Geborgenheit vom Liebhaber erweist sich als enttäuschte Illusion. Nichts ist beständig, alles flüchtig, und manchmal will man einfach nur zurück in Mamas Bauch. (Cinema Next)

NABELFABEL

In NABELFABEL verpasst sich Mara Mattuschka durch etliche Strumpfhosen hindurch eine zweite Geburt. Ihr Körper kriecht derart deformiert und angestrengt aus den Nylonschichten, daß der schiere Überlebenskampf sichtbar wird. (Peter Tscherkassky)

MUTTER VON MUTTER

»Familiäre Wärme, wie sehnte ich mich eigentlich danach.« Großmutter, Mutter, Tochter – verkörpert von einer Person, der Mutter der Filmemacherin, die in einem beschwerlichen und schmerzlichen Prozess Familienarchäologie betreibt. Lückenhafte Erinnerungen und selbstreflexive Gedanken, ein Brief der verstorbenen Großmutter, vorgelesen aus dem Off: All dies ergibt ein schemenhaftes Bild dreier Generationen von Frauen, die sich nicht wirklich kennen, deren Verhältnis von Berührungsängsten, Trennung und Abwesenheit bestimmt ist. Ein Gefühl, dem auch bildlich Ausdruck verliehen wird: Sachlich und doch intim kadrierte Rückenfiguren, gegenständliche Details, Hände und Gewebe, die metaphorisch zerschnitten und zusammengenäht werden, wie es die Filmemacherin mit den Fäden ihrer Vergangenheit unternimmt. (Diagonale)