MIGRATION STANDARDS

»Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der es selbstverständlich ist, dass alle Menschen die gleichen Rechte teilen«, formulierte die Petition »Ausschluss Basta« als Initiative von Kulturarbeiter*innen, Aktivist*innen und Forscher*innen anlässlich der 2010 kontroversiell geführten »Integrations«-Debatten in Österreich und Deutschland. In ihrer Videoarbeit greift die Künstlerin Borjana Ventzislavova diese und andere migrationspolitische Forderungen auf.

»Sie werden aber nicht von den Akteur*innen selbst vorgebracht, sondern von vier Kindern und Jugendlichen, die nacheinander vor unterschiedlichen Kulissen ihre Statements an die Kamera richten. Auch die Settings sind irritierend: Wohlbekannte Ansichten von Wiener Sehenswürdigkeiten wie Schloss Schönbrunn und Parlament sind als Hintergrundmotive in und vor verschiedene (Un-)Orte wie eine Autobahn, Landschaften mit Bahngleisen oder eine darüber liegende Flugschneise gestellt. Sie lassen sich als transitorische Räume beschreiben, die in erster Linie dem Zweck des Transports und der Mobilität dienen. (…) Potenziell sind ihnen damit auch migratorische Praktiken der Flucht und der illegalisierten Grenzüberschreitung eingeschrieben. (…) In der befremdlichen Verdichtung dieser kontrastierenden Elemente ruft Ventzislavova widerstreitende Bilder, individuelle und kollektive Projektionen zum allgegenwärtigen Thema Migration auf.« (Luisa Ziaja)

G_GIRLS (GINNY/GRACIE)

Ginny und Gracie: zwei Miniaturen über zwei jugendliche Mädchen, miteinander lose verbunden durch ein Telefonat. Die Mädchen treten nicht als Figuren in Erscheinung, sondern werden ausschließlich über Dialoge und animierte Lebensräume skizziert: graue architektonische Bleistiftzeichnungen einer Plattenbausiedlung auf der einen, breitpinselige Rotoskopien einer besseren Wohngegend in gedeckten Braun-Grau-Tönen auf der anderen Seite. Zwei Welten, die sich ähneln, ohne gleich zu sein, und deren äußere Realität mit den Träumen und Bedürfnissen der Mädchen kollidiert. Zwei ästhetisch abstrahierte Milieuzeichnungen, die nicht soziologisch präzise, dafür jedoch poetisch verdichtend zwei ganze Leben aufmachen – und von denen man sich wünscht, sie würden auf eine unbestimmte Anzahl weiterer Menschen, Leben, Gegenden treffen. (Diagonale)

MIRA LU KOVACS: STAY A LITTLE LONGER

Lydia Nsiahs analoge 16mm-Bilder in Schwarzweiß und Farbe betten den Gesang und die intimen Zeilen aus Mira Lu Kovacs Feder in ein Firmament aus kargen Naturszenerien, die eine ohnehin schon weit aufgerissene Kluft emotionaler Selbstreflexion um ein Vielfaches potenzieren. Fahrten durch nebelverschleierte Ebenen, sehnsuchtsvolle Blicke in menschenleere Weiten. Die Welt steht kopf, verliert sich in der Abstraktion, färbt sich ein, bewegt sich unaufhaltsam weiter. Eine audiovisuelle Ode an die wohlwollende und rettende Selbstliebe – minimalistisch, schwermütig, voller brüchiger Schönheit. (Diagonale)

SELFPORTRAIT

SELFPORTRAIT, entstanden 1971 in New York, von dem es heißt, es sei das erste Selbstporträt in Zeichentricktechnik überhaupt, verdankt seine Wirkung einem Clash von Bild und Ton. Maria Lassnig, oder genauer ihr filzstiftgezeichneter Kopf, singt Englisch mit herzzerreißendem österreichischem Akzent. Über das bisherige Leben, ihre Träume, die ewige Suche nach der besseren, männlichen Hälfte: »To look for the better half«. Doch passt mal ein Partner in Form und Farbe, nennt er sie bald schon weak und woman im gleichen Satz. (Maya McKechneay)

JUMPING HOCHHÄUSER

Man liest oft, ein Film habe Sprengkraft. Das trifft auch auf Tomash Schoiswohls Analyse der Sprengung von – gescheiterten oder eher vernichteten – Sozialbauten in Linz, St. Louis und Glasgow zu. Allerdings hat sein Film auch Springkraft – wo die neuen Hochhäuser des Kapitals errichtet werden, springt der Filmemacher unablässig auf und ab. Ein wilder, inspirierender Vorschlag für agitatorisches Kino, das Dissens springend greifbar macht. (Diagonale)

DEAD RECKONING

Eine Meditation über das Unglück: Zwei animierte Manifestationen derselben Figur interagieren, während diese der Maxime folgt: »Iss, trink, lass es dir gut gehen – weil wir morgen sterben werden.«

LINZ / MARTINSKIRCHE

Linz im Frühling. Ein Mann besucht die Martinskirche, fotografiert mit dem Smartphone, sammelt Momentaufnahmen. Mit präzisem, detailverliebtem Blick dokumentiert Edith Stauber seine touristische Erkundung und legt wie nebenbei die verborgene Komik und Skurrilität des Alltags offen. Da trifft die Kircheninschrift »Selig sind die Barmherzigen …« auf das ÖVP-Credo vom »Arbeiten – Anpacken – Vorne bleiben«, da ist der systemimmanente Aufruf zur Spende gleich neben jenem Zeitschalter platziert, der portioniertes Licht ins Dunkel des Kircheninneren bringt.

ERNTEZEIT

Es ist Erntezeit. Sophie ist mit ihrem Freund auf den Bauernhof seiner Eltern gefahren, um Zeit mit ihm zu verbringen. Doch sie ist so überarbeitet und erschöpft, dass die Dinge beginnen auseinanderzufallen.

ESEL

Es ist Winter. Die Landschaft ist kahl, die Natur ergraut. Ein einsamer Bauernhof steht mitten im Wald. Hier lebt ein altes Bauernpaar. Ihr Leben besteht aus dem alltäglichen Trott: Anstrengungen, denen sie nicht mehr gewachsen sind, allgegenwärtige Langeweile. Unterstützt wird der Bauer von einem altersschwachen Esel. Als der Bauer erfährt, dass der Tod seines langjährigen Begleiters naht, merkt der sonst so pragmatische Mann, dass er das Tier mehr liebt, als er zugeben kann. Eine Parabel über das Sterben und das Abschied nehmen, ein Märchen für Erwachsene.

ESEL wurde vielfach mit Preisen ausgezeichnet, u.a. auf der Diagonale 2015 mit dem Thomas Pluch Drehbuchpreis für den besten kurzen und mittellangen Spielfilm und auf dem 21. Palm Springs International ShortFest mit dem »Best of Festival Award«.

KUNSTBOXEN

Mit der ihr eigenen Mischung aus Humor und manchmal brutaler Realitätsnähe schickt Ina Loitzl die Kunstfigur Artist A in den Ring. Runde um Runde kämpft sie sich weiter: gegen ihre eigene Motivation, ihre Rolle als weibliche Künstlerin, mit und gegen die Konkurrenz der Kolleg*innenschaft, als kleiner Teil im unüberschaubaren Kunstmarkt. Mit im Ring die prominenten Gegner*innen des globalen Kunstbusiness.