GEFÜHL DOBERMANN

Eine Drehpause: Protagonist*innen führen Smalltalk, es spielen Kinder, ein Mops schnauft. Die Regisseurin brieft die Mutter zur anstehenden Szene, doch diese verweigert Fessel und Knebel. Sie verstehe den Zorn der Tochter nicht, klagt sie. Ob den der Filmfigur oder den der Verwandtschaft, bleibt unklar. Wie sich auch der weitere Handlungsverlauf der eindeutigen Unterscheidung von Spiel und Leben widersetzt. Vieles sei niemals richtig ausgesprochen worden, heißt es. Tatsächlich scheinen sich verdrängte Emotionen mit jedem Blick und jeder Geste in den Filmdreh zu übersetzen; in eine Wohnungsenge, die in der Unbarmherzigkeit von Handkamera und Naturlicht zunehmend Beklemmung suggeriert. Ein subtil gebautes Kammerspiel über (familiäre) Sprachlosigkeit, Kindheitstraumata und Sadismus. (Sebastian Höglinger, Diagonale)

LILLYS (GROSSER) TRAUM

Während sie im Garten spielt erspäht die Hündin Lilly ein Flugzeug. Von da an hat sie einen großen Traum: Fliegen!

MISSBRAUCH WIRD BESTRAFT

Während einer abendlichen Schnellbahnfahrt kreuzen und trennen sich die Wege verschiedener Personen: eine junge Frau, eine Mutter mit Kind, ein Pensionist, eine Schülerin, ein älteres Ehepaar. Zusammengeschweißt im Moment, offenbart sich angesichts eines gewaltvollen Übergriffs ein Mikrokosmos des Wegschauens, der von Ulrike Schweiger mit genauem Blick seziert wird.

MISSBRAUCH WIRD BESTRAFT, entstanden während des Studiums an der Filmakademie Wien, wurde weltweit auf mehr als 30 Filmfestivals gezeigt und vielfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem auf dem Festival International du Film d’Amiens (1998), dem International Short Film Festival Berlin (1998), dem Fort Lauderdale International Film Festival (1999) und dem Melbourne International Film Festival (1999).

BOOMERANG

Peinliche Szene bei der Einweihungsparty der neuen Wohnung von Danas Mutter: Vor dem Haus sitzt ihr Vater, der nunmehrige Ex-Mann, im Auto und lässt sich nicht abwimmeln. Kurios, dass der Snapchat-Filter, durch den Dana ihre Eltern betrachtet, die später vor ihr auf dem Sofa sitzen, die Realität nicht so grotesk verzerrt, wie zu erwarten wäre.

Mit unbekümmerter Stilsicherheit und einem spielfreudigen Ensemble (u.a. Mercedes Echerer, Angelika Niedetzky) erzählt Kurdwin Ayub ihren ersten Kurzspielfilm – nach einer Reihe von vielfach preisgekrönten Dokumentarfilmen und filmischen Selbstporträts – zwischen albernem Witz und profunder Melancholie.

ATTWENGERS LUFT

Die Alpenrapper Attwenger unter dem Messer der Trickkamera: Reale Fotogesichter werden mit gemalten Körpersymbolen kombiniert; Frisuren geraten außer Kontrolle, tanzen Polka auf dem Kopf; und die von der Animation unterworfenen Musiker jagen im Rhythmus ihrer »Quetschn« über die Leinwand.

DER TOD DES M

Basierend auf der Ermordung des französischen Revolutionärs Jean-Paul Marat in 1793, stellen zwei Seifenstücke dieses historische Ereignis nach und erfinden ein »dramatischeres« Ende.

INVISIBLE HANDS

Ob im Alltag, im Urlaub oder in der sogenannten Freizeit: überall arbeitende Hände, die aufdecken, abdecken, abwaschen, streicheln, füttern und abwischen. Lia Sudermann und Simon Nagy verweben Amateurfilme aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren – vom Österreichischen Filmmuseum aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt – mit einer Reflexion über reproduktive Arbeit. (Martina Genetti, Diagonale’23)

MOSKITOS

Aedes and Anopheles sind Stechmücken, die gefährliche Infektionskrankheiten übertragen können: Chikungunya-Fieber, das Dengue- und das Zika-Virus. (…) Was also könnte geschehen, würden Moskitos sich im Wiener Weltmuseum, im Prater und in der Wirtschaftsuniversität ausbreiten? Susana Ojeda lässt in ihrem Kurzfilm ein geheimnisvolles Treffen einer Gruppe von Frauen stattfinden, die ein solches Szenario im wahrsten Sinne des Wortes heraufbeschwört. Worauf sich, als Ergebnis einer geflügelten Invasion, eine surreale Welt auftut. (Michael Pekler, Diagonale)

BILDER AUS DEM TAGEBUCH EINES WARTENDEN

Schauplatz des Films ist die österreichisch-ungarische Grenze, wo Rekruten des Österreichischen Bundesheeres ihren Dienst absolvieren. Mit Nightvision-Kameras und Handys filmen sie ihre Langeweile, Albernheiten und improvisierten Stunts. Judith Zdesar arrangiert diese Aufnahmen mit ruhigen Landschaftsbildern. Im Zentrum steht die totgeschlagene Zeit des Präsenzdiensts in der Randzone des Schengenraums. Die Soldaten reflektieren in banalen Monologen über ihre Situation und Zukunft. So entsteht ein Kriegsfilm ohne Krieg, in dem Sinnsuche und Absurdität unheimlich nahe rücken.

15 JAHRE UND KEINE ANTWORT

In Gita Ferlins essayistischem Porträt eines jungen Asylwerbers in Österreich bleibt der Protagonist unsichtbar, verbannt aus dem Bild, nur als frei umherschwebende Stimme existent, nicht zu verorten. Die beklemmenden Schilderungen seines der Mündigkeit beraubten Lebens, das nunmehr von Furcht, Armut, Scham und Perspektivlosigkeit bestimmt wird, verdichten sich in kontemplativen Raumtableaus des schäbigen Wohnheims und im Sound: Enge, die keine Entfaltung ermöglicht. Wände, Gitter, verschlossene Türen, die gefangen nehmen. Ein Ausblick auf Bahngleise, der die permanente Angst vor Abschiebung ebenso spürbar macht wie der Verkehrslärm, der unentwegt präsent ist. Eine sensible und eindringliche Annäherung an eine unbehauste Existenz, ein Dasein zwischen Kerker und Transit. (Digonale)