DER MENSCH MIT DEN MODERNEN NERVEN

Eine Pyramide, gar nicht statisch, vielmehr durch Kamerafahrten, Schnitte und Überblendungen immer rascher in Bewegung gebracht. Die Kino-Illusion führt die einzelnen Teile durcheinander, fügt sie zu einer symbolhaften Zeichnung der regen Gedankengänge von Adolf Loos: Eine Hochgeschwindigkeitsfahrt durch das Rückenmark des revolutionären Architekten. (Peter Illetschko)

Zahlreiche Filmemacher*innen haben die Stadt filmisch dargestellt, aber nur wenige haben mit dem architektonischen Material an sich gearbeitet. Aus dieser Sicht ist der Fall der Wiener Filmregisseure Bady Minck und Stefan Stratil ziemlich beispielhaft. Für ihren Film DER MENSCH MIT DEN MODERNEN NERVEN stellten sie ein Modell nach den Skizzen des Architekten Adolf Loos her, die dieser 1923 für ein Rathausprojekt in Mexiko-City entworfen hatte. Bei dem von Loos geplanten Gebäude handelt es sich um eine Stufenpyramide, die im filmischen Prozess in ein abstraktes Spiel der geometrischen Formen, der Lichter und Schatten gebracht wird, dass an bestimmte Filme der 1920er Jahre erinnert, etwa an ORGELSTÄBE von Oskar Fischinger (1923-1927). Über die Animation des Modells weit hinausgehend, beschäftigt sich der Film mit Adolf Loos‘ architektonischen Konzepten zur Fläche und zum Volumen des Raums. (Jean-Michel Bouhours)

DIE ARBEITERINNEN VERLASSEN DIE FABRIK

1895 waren es in der deutschen Übersetzung des Filmtitels der Lumières noch Arbeiter, die die Fabrik verließen, obgleich deutlich mehr Frauen zu erkennen waren. Katharina Gruzei verunmöglicht in ihrer Neu-Interpretation die Geschlechterzuschreibungen in Titel und Bild. Im Flackern ihrer Lichtinstallation filmt die Kamera Silhouetten und schwimmt mit der Masse hinaus aus den eben geschlossenen Austria Tabak Werken. Erst am Ende wird die Originaleinstellung nachempfunden, diesmal mit geschärfter Wahrnehmung. (Diagonale)

TUPPERN

Samstagnachmittag: Gabi hat zur Tupperparty im penibel aufgeräumten Eigenheim geladen. Alles wäre perfekt, würden die Freundinnen der Demonstration von Speedy Boy, Servierstar & Co. nur etwas mehr Aufmerksamkeit widmen als Prosecco, Aufstrichbrötchen und den subtil-giftigen Sticheleien untereinander. Mit dem unverhofften Besuch von Gabis Ehemann droht die lauschige Verkaufsstimmung zu kippen … Vanessa Gräfingholt gelingt mit TUPPERN eine hinreißend präzise Gesellschaftssatire, getragen von punktgenauen Dialogen und einem überzeugenden Schauspielerinnen-Ensemble.

FLASCHKO – DER MANN IN DER HEIZDECKE

»Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist sitzen.« Mit diesem Satz läßt sich die Lebensphilosophie von Flaschko zusammenfassen. Die Verfilmung des gleichnamigen Comics von Nicolas Mahler folgt den »Abenteuern« eines gezeichneten Muttersöhnchens, das die Welt vom Fernsehsessel aus erobert – eingehüllt in eine Heizdecke. Übrigens: Ronnie »Rocket« Urini leiht dem phlegmatischen Flaschko seine Stimme. (Diagonale)

I’M ALIVE

Der Versuch Menschen auf der Flucht eine Stimme zu verleihen: In Süditalien initiiert Maria Weber ein partizipativen Filmprojekt, bei dem persönliche Geschichten durch Claymation-Technik in Animationen gekleidet werden. Durch die Abstrahierung ist es den Erzähler*innen möglich sich ganz zu öffnen, gleichzeitig wird ihre Anonymität gewahrt.

WERBEUNTERBRECHUNG

Bob zappt gemütlich durch die Fernsehkanäle, als er von Werbespots der etwas anderen Art überrascht wird.

TRISTES DÉSERTS – A ROBOT’S TALE

Tenor August Schram wirft sich in dieser von Science Fiction inspirierten musikalischen Kollaboration mit dem Elektronik-Duo Austrian Apparel mit einem Roboterkostüm in Schale. Ein intergalaktischer Bilderreigen, in dem sich schließlich die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Barock und Elektro auflösen. (Diagonale)

HOLLYWOOD

Ihrer Berufung folgt Anna wie ein Profi: Mit Sonnenbrille und Coffee-to-go sitzt sie in der Besprechung, um kurz darauf für die Übung der örtlichen Feuerwehr voller Hingabe das Unfallopfer zu mimen und unter markerschütternden Hilfeschreien das mit Kunstblut entstaltete Gesicht schmerzerfüllt zu verziehen. Woche für Woche hingebungsvolle Performances, die Annas erhoffte Schauspielkarriere allerdings nicht vorantreiben. Fame riecht anders als Würstchen mit Sauerkraut. Wieso also überhaupt nach den Sternen greifen, wenn das deprimierende Leben so nahe liegt? Papa hat den Masterplan, aber Anna hat einen Herzenswunsch. (Cinema Next)

C-TV (WENN ICH DIR SAGE, ICH HABE DICH GERN …)

Die Erde wurde erschüttert, das Fernsehstudio ist zerstört, C-TV geht auf Sendung: Hamster Hedi, der plüschige Talkshow-Host, empfängt Menschen mit Behinderung, die Einblick in ihren Alltag und ihre künstlerische wie politische Arbeit geben. Ein (leider!) fiktiver TV-Sender wider die Tyrannei einer heteronormativen und ableistischen Gesellschaft: radikal, repräsentationskritisch, humoristisch und barrierefrei. (Michelle Koch, Diagonale’23)

Gedichte von Ianina Ilitcheva, interpretiert in Österreichischer Gebärdensprache durch Barbara Schuster, schaffen den Rahmen für ein Stück – fiktionaler – Fernsehgeschichte, das die Power hat, die Welt zu verändern. Aus der Jurybegründung für den Diagonale-Preis Innovatives Kino, der 2023 an C-TV verliehen wurde: »We spent our time discussing how the films in our selection made us imagine better futures, new cinemas, new ways of working, and being in the world. (…) In this film, we found space and joy imagining a world where we and the world might be changed through a critical engagement with issues of disability justice through film.«

EIN SCHLAG ZUVIEL