THE LINGUISTS

Anna Bunting-Branch / Großbritannien 2017 / 8 min / eOF

Anna Bunting-Branch lädt uns in eine alternative, frauenzentrierte Welt ein. Es ist, als würden wir in eine Séance geführt, um die Funktionsweise eines Zirkels zu sehen, einer Gemeinschaft von Frauen, die sich mit einer neuen Art des Diskurses verständigen. »Wir wollen sprechen, aber es gibt viele Worte, die uns fehlen. Wir wollen reden, aber wir können nicht.« Anna Bunting-Branch vermittelt uns die Sprache von Láadan, sowohl gesprochen als auch auf einem Computerbildschirm präsentiert. (Láadan war eine »Frauensprache«, die in den 1980er Jahren von der Science-Fiction-Autorin Suzette Haden Elgin konstruiert wurde.) Die Worte, die wir lesen und hören, sprechen von Liebe, Wärme, Berührung, Kreativität und Fruchtbarkeit. In der gesamten Erzählung gibt es weibliche, yonische, sexuelle Motive – Lippen, Blumen, Zungen, Finger, Blut. Eine körperlose, nackte Statue einer weiblichen Gestalt wird aus der Kunstgeschichte zurückerobert und erhält durch Lippenstiftküsse ebenfalls eine Stimme – sie weigert sich zu schweigen. (Abigail Addison)

EAGER

Allison Schulnik / USA 2014 / 8 min / kein Dialog

Zarte, malerische Tonkreaturen nehmen an einem rituellen Tanz teil, der eine Priesterin, einen Geist des Waldes, heraufbeschwört, der ihre Transformation katalysiert. Sie verschmelzen miteinander, verzehren sich gegenseitig, während sich der Kreislauf des Lebens abspielt. Wir bewegen uns von der Dunkelheit in einen grünen Lehmwald, in dem die Pflanzen gleichzeitig lebendig und tödlich sind. Diese Welt verschmilzt dann mit realen Umgebungen, echten Pflanzen, einer echten Priesterin – dem Traum, der in unsere Realität eindringt. Alles im Film ist fließend, organisch, alles möchte leben, alles stirbt und kehrt zur Natur zurück und wird wiedergeboren. (Abigail Addison)

Credits

Bildgestaltung Helder K. Sun Musik Aaron M. Olson Produktion Allison Schulnik & P·P·O·W, New York

DER RISS

Paul Ertl / Österreich 2022 / 53 min / OmeU

Hinter der Tapete entdeckt die achtzigjährige Frau Pospisil eines Nachts einen Riss in der Wand. Schon davor haben sich unheimliche Dinge in der ihr so vertrauten Altbauwohnung zugetragen: ein laufender Wasserhahn, ein Fernseher, der von allein umschaltet, geplünderte Vorratsschränke. All das verschweigt sie ihrem Sohn, der sie ohnehin lieber in einem Pflegeheim wüsste. Der Bruch zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung droht sich zu einem verschlingenden Graben auszudehnen, bis ein köstlicher Hauch Surrealität eine überraschende Wendung herbeiführt. Paul Ertls mittellanger Spielfilm verschaltet psychologisch unterfütterten Horror mit romantisch-komödiantischen Elementen. Und kokettiert dabei gekonnt mit einem ganz realen Grusel: der Angst vor dem Alter. (Eva Königshofen, Diagonale’23)

Credits

Schauspiel Berta Kammer, Philipp Hochmair, Eva Maria Marold, Markus Schleinzer, Max Ortner & Johannes Deckenbach Drehbuch Paul Ertl Bildgestaltung Lukas Schöffel Montage Paul Eckhart Ton Lisa Puchner Sound Design Valentin Königshofer, Alexander Siegel, Malin Peters & Alessio Bertoldi Musik Bernd Jungmair Produktion Marija Burtscher Hochschule Filmakademie Wien

Play Trailer

EDGE OF DOOM

Michaela Grill / Österreich/Kanada 2020 / 3 min / kein Dialog

Eine kurze Folge von Split Screens versammelt Frauen in Ausnahmezuständen: aufgerissene Augen, hochgeworfene Arme, Schreie, eckige Augenbrauen, fassungslose Münder, liegend laufend stehend aufspringend. Emotionale Extremmomente, gesucht und gefunden in Stummfilmen der 1920er Jahre. Wut, Empörung, Schmerz, Schrecken, Angst und Abscheu: ein Kaleidoskop prototypischer Affekt-Gesten, freigelegt von allen narrativen Zusammenhängen. Die Emotionspaare verstärken sich gegenseitig oder reiben sich aneinander. Das Musikstück von Sophie Trudeau, zu dem Michaela Grill ihre Fundstücke wie ein Musikvideo geschnitten hat, stammt aus der Serie der »Confinement Songs«, aufgenommen zu Beginn des pandemiebedingten Lockdowns. (Madeleine Bernstorff)

migrill.klingt.org

Credits

Konzept Michaela Grill Montage Michaela Grill Musik Sophie Trudeau Produktion Michaela Grill & Sophie Trudeau

WO ICH WOHNE

Susi Jirkuff / Österreich 2022 / 11 min / OmeU

»Ich wohne seit gestern einen Stock tiefer«, sagt das Ich. Aber niemand sonst scheint diesen mysteriösen Umstand bemerkt zu haben. Susi Jirkuffs gezeichneter Film beruht auf einer Erzählung der Autorin Ilse Aichinger, die den nationalsozialistischen Terror in einer Wohnung nahe des Wiener Gestapo-Hauptquartiers versteckt überlebte. Entsprechend lässt sich der plötzliche und rational unerklärliche Abstieg von Etage vier nach ganz unten als Metapher auf die soziale Ächtung verstehen, die Aichinger, deren Mutter Jüdin war, erfuhr. Bei Jirkuff ist es eine Geschichte aus Kohle und Papier, die nach der (Un-)Sichtbarkeit vulnerabler Menschen fragt. (Eva Königshofen, Diagonale’23)

susijirkuff.com

Credits

Sprecherin Alenka Maly Drehbuch Susi Jirkuff Literaturvorlage Ilse Aichinger Animation Susi Jirkuff Bildgestaltung Susi Jirkuff & Diego Mosca Ton Philip Frech Sound Design Michael Schreiber Produktion Susi Jirkuff

TO TEACH A BIRD TO FLY

Mark Roberts & Minna Rainio / Finnland 2020 / 24 min / OmeU

Mark Roberts und Minna Rainio wagen es, sich eine Zukunft vorzustellen, in der die Auswirkungen des Klimawandels umgekehrt sind. In ihrem traumwandlerisch-hybriden Dokumentarfilm weben sie eine vielschichtige Erzählung über das Vogelsterben, Mensch-Tier-Beziehungen und den Klimawandel aus der Perspektive einer hoffnungsvollen Zukunft. Aber es ist nicht alles so, wie es scheint. Eine Frau erzählt von Ereignissen aus der Vergangenheit – der heutigen Welt –, als ihre 25-jährige Großmutter im Rahmen eines deutschen Artenschutzprojekts Waldrappe von Hand aufzog, die – in der Zukunft – als ausgestorbene Spezies gelten. Wochen- und monatelang lebt sie als Bezugsperson mit den fremdartig aussehenden Ibis-Vögeln zusammen, um ihnen, die sie ihr vertrauen, schließlich mit einem Ultraleichtflugzeug den Weg über die Alpen in die Sicherheit ihrer Überwinterungsgebiete in Italien zu weisen.

HAULOUT

Maxim Arbugaev & Evgenia Arbugaeva / Großbritannien 2022 / 25 min / OmeU

An einer abgelegenen Küste der russischen Arktis wartet der Meeresbiologe Maxim Chakilev drei Monate lang in einer windgepeitschten Hütte darauf, Zeuge einer uralten Versammlung zu werden: In einer Nacht füllt sich der Strand mit unzähligen Walrossen. Dieses Spektakel findet Jahr für Jahr statt, endet aber für einige der Tiere viel zu oft mit deren Tod. Denn die Erwärmung der Ozeane fordert ihren Tribut.

A TALE OF THE CROCODILE’S TWIN

SAYA DI SINI, KAU DI SANA
Kifu Taufiqurrahman / Indonesien 2022 / 18:30 min / OmeU

Poetische Betrachtung über die fragile Co-Existenz von Menschen und Krokodilen in einem Tsunami-Risikogebiet in Zentral-Sulawesi. Können die Menschen begreifen, dass Lebensraum geteilt werden muss, auch wenn er zunehmend beengter wird? Der indonesische Künstler Kifu Taufiqurrahman macht eine bis heute weitererzählte Legende zum Ausgangspunkt seines Films: Lasa Kumbili, ein Adliger, soll einen Yale-Bonto-Zwilling, einen Zwilling in Gestalt eines Krokodils, gehabt haben. Tatsächlich sind auch heute noch manche Menschen davon überzeugt, Krokodilszwillinge zu haben, zu denen sie eine enge Verbindung spüren.

EXERCISES IN BEING CLOSE TO YOU: A STORY FOR THE ARCTIC REFUGE

Krista Leigh Davis / Kanada 2018 / 15 min / eOF

Das Arctic National Wildlife Refuge ist für die indigene First Nation Community heiliges Land; es ist auch der Ort, wo jedes Frühjahr 40.000 Karibu-Kälber geboren werden. Krista Leigh Davis schließt sich einer 10-tägigen Expedition an, um den Zug der Karibus mitzuerleben und zu erkunden, wie man sich selbst mit der Kamera kritisch zur Mitwelt in Beziehung setzen kann. In ihrem vermeintlichen Tierfilm setzt sie diverse künstlerische Mittel ein, um das Format aus den Angeln zu heben. (Internationales Frauen Film Fest Dortmund+Köln)

www.kristaleighdavis.com

WORLD TO ROAM

Stephen Irwin / Großbritannien 2023 / 12:15 min / OmdU (SDH)

Vater und Mutter sind besorgt um ihr Baby, das Nacht für Nacht sein Gitterbett verlässt, um schlafwandelnd die Welt draußen zu erkunden, mit den Eltern verbunden durch einen feinen Faden. Doch jede Nacht wagt es sich weiter hinaus in die Gefahr. Seltsam schwebende Bilderfolgen in kräftigen Farben vor dem Dunkel der Nacht, gekonnt gesetzte Musik und schließlich eine eindringliche poetische Narration erzeugen einen hypnotischen Sog, dem wir uns nicht entziehen können. (Thomas Renoldner)

INSTAGRAM